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Donnerstag 23.10

Vorlesung Manuel Delgado (Master Anthropologie)

Thema: Massen (Menschenmassen)

 

Ich gebe an dieser Stelle eine Zusammenfassung bzw. die Kernpunkte wieder, die in der Vorlesung von Manuel Delgado Ruiz (Universität Barcelona/ Antropologia Social) am 23.10. diskutiert wurden.

 

Die Vorlesung fokussiert das Thema Menschenmassen welches auch in meinem Projekt, durch die Abhängigkeit der Straßenmusiker von Touristen und aufgrund der exponentiellen Entwicklung des Tourismus in Barcelona, eine Rolle spielt.

Wie verhalten sich Massen, wie beeinflussen sie mit ihrem Handeln ihre Umgebung und wie kommt es zu einer Massendynamik die Individuen Handlungen vollführen lässt, die sie als Individuum nicht verantworten würden.

 

Es wurden verschiedene Ansätze aufgegriffen und Fragmente dieser Ansätze zusammengeführt. Nietzsche, Durkheim und Dionysos oder anders gesagt der philosophische Ansatz, der soziologische Ansatz und der soziale Ansatz. Vielleicht passt das Wort Perspektive in diesem Zusammenhang besser als Ansatz.

Nietzsche (1844-1900) wurde mit einer Aussage aus dem Werk Die Geburt der Tragödie zitiert, welche übersetzt aussagt „(…) Der Impuls, sich selbst zu verwandeln und aus anderen Leibern und Seelen herauszureden(…)“ ( Nietzsche 259). Dieses Zitat steht im Zusammenhang mit seiner Beschreibung der Eigenschaften eines Dramatikers. Diese schildert er so grundlegend und einfach, dass scheinbar jeder Mensch ein Dramatiker sein könnte. Eigentlich passt das Zitat besonders zu der Frage welche in der letzten Sitzung der Forschungsgruppe GRECS besprochen wurde nämlich die Frage nach der kreativen Klasse und wer das eigentlich sei. Mit der eben zitierten Aussage macht Nietzsche seinen Standpunkt klar: Eine kreative Klasse gibt es nicht, jeder ist Teil von dieser Kreativität es gibt nur manche die sie fördern und andere nicht. Aber zurück zu der Vorlesung . Mit diesem Zitat als Anstoß wurde herausgearbeitet wie das Leben in einer Gemeinschaft das Verlangen mit sich bringt anders zu sein. Durch eine Gemeinschaft entsteht die Möglichkeit des Vergleiches und die Adaption etwas Gesehenes. Der Begriff Transformation wurde oft benutzt in dieser Vorlesung. Der wichtigste Transformationsprozesse bezüglich Menschenmasse stellte allerdings die Desindividualisierung dar. Damit ist der Prozess gemeint der das Individuum von seine individuelle Meinung und Handlung zu einer an das Kollektiv angepasste Meinung und Handlung übergehen lässt. Damit wird das Individuum Teil der Masse. Das heißt um eine Massendynamik erst möglich zu machen muss das Individuum Teil der Masse werden indem es einerseits Teil des kollektiven Denkens und Handelns wird. Beispielsweise ein Protest in der Straße funktioniert nur dann, wenn die einzelnen Menschen ihre Individualität aufgeben und Teil der Masse werden. Bei einem Protest wird eine Meinung bzw. eine Forderung vertreten. Die Chöre die diese Forderung aussprechen werden einstimmig gesprochen. Es ist eine Masse, die für eine Forderung oder eine Meinung steht. Dieser Prozess birgt Gefahren indem die Dynamik der Masse das Individuum dazu bringt zu handeln ohne nach seinen eigenen Gewissen zu gehen. Er handelt für die Masse. Das wurde natürlich von den Studierenden stark in Frage gestellt. Die Kritik lautete: ich kann auch innerhalb einer Masse meiner eigenen Meinung und meinen Idealen treu bleiben. Dagegen wurde die soziale Veranlagung des Menschen gestellt die sich im so genannten dionysichen wiederfindet. Der dionysische Teil der Massenbildung hat eine andere Charakteristik als die beiden zuvor aufgeführten Perspektiven. Dieser repräsentiert soziale Strukturen der Masse und das Verlangen des Menschen ein Teil zu sein von etwas und nicht hinauszufallen aus einer Konvention. Das kollektive Ziel wird schnell zu einem eigenen Ideal (Fußball oder anderer Sport) und einer Passion aus der das Individuum nicht ausgeschlossen werden möchte da es die Qualität der Gemeinschaft sucht.

Außerdem wurde in diesem Zusammenhang ein weiteres Zitat von Nietzsche Aufgegriffen der in dem bereits genannten Buch auf gleicher Seite im Zusammenhang mit bereits genanntem Zitat schreibt „Eine dionysische Erregung ist im Stande, einer ganzen Masse diese künstlerische Begabung mitzuteilen (…)“ (Ebd.)

Emil Durkheim (1858-1917) wurde in die Diskussion der Vorlesung eingegliedert durch seine Annahme, dass sich kollektive Ideale in Massenaufruhen formen würden und nimmt als Beispiel die Französische Revolution. Massendynamik war das Schlagwort welches nachfolgend diskutiert wurde. Als Resumé kann gesagt werden, dass die Eigenschaft der Massendynamik als sehr stark und eigendynamisch dargestellt wurde und die Masse selbst als ein eigener Korpus verstanden werden kann, dessen Muskeln die Partizipierenden Menschen sind. Meistens haben diese Massen aber keinen Kopf was symbolisch für eine denkende Partei stünde außer es gibt einen Vorgesetzten wie beispielsweise bei dem Korpus der Polizei.

Die Thematik der Massen ist innerhalb meiner Forschung von Bedeutung was auch an dem Forschungsfeld Barcelona liegt. Es ist omnipräsenter Teil der Stadt: Touristenmassen. Hinzu kommt die aktuelle Debatte um eine Seperation Cataloniens von Spanien. Zwei Umstände die zu Massenbildung führen. Ich möchte zunächst auf dieForschung eingehen.

Die beschriebene Desindividualisierung findet beispielsweise zwischen den Musikern statt. Emanuel (Musiker Interview 3)  erzählt wie er nach Gracia (Stadtteil in Barcelona) kommt, er ist neu und möchte spielen aber das geht nicht, denn es bestehen bereits Strukturen an die er sich anpassen muss. In diesem Fall bilden die Musiker die Masse und diese funktioniert nur, wenn das Individuum seine Eigenständigkeit gegen die Strukturen der Masse eintauscht, oder diese Strukturen umgeht. Das Gleiche passiert in den Bereichen in denen die Musiker mit Lizenzen spielen und einem vom Bürgerzentrum vorgegebenen Stundenplan folgen. Auch auf der Seite der Touristen findet eine Desindividualisierung statt wodurch die Masse eingeschätzt werden kann, da man ungefähr sagen kann was Touristen an einem Ort machen. Es gibt Reiseführer die meist die gleichen Orte empfehlen, Straßenschilder und Rundführungen. Erst durch die Desindividualisierung funktionieren die Souvenirshops und die festgelegten Standpunkte der Musiker. Sie funktionieren deshalb, da das Handeln der Touristen nicht individuell ist, sondern einem Schema entspricht welches die Stadt unter anderem selber mit ihrere Architektur vorgibt. So können sich Musiker so positionieren, dass die Touristen an ihnen vorbei müssen. Auch an dem Programm der Musiker wird eine Desindividualisierung deutlich. Es gibt eine Hand voll Lieder die dem durchschnittlichen Touristen gefallen oder ihm bekannt sind. Diese Lieder bringen Geld und werden deshalb wiederholt gespielt. So wirkt sich die Dynamik der Masse Touristen auf die Raumaneignung der Musiker und auf das Programm der Musiker aus. Gleichzeitig ist eine ähnliche Massendynamik bei den Musikern selber zu beobachten. Diese Masse strukturiert sich allerdings weniger um eine allgemeine Forderung der Masse als mehr um die vorgegebenen Strukturen durch Reglementierungen, Architektur der Stadt und soziales Verhalten der Touristen.

 

Quellen:

http://www.pdfbooks.co.za/library/FRIEDRICH_WILHELM_NIETZSCHE/FRIEDRICH_WILHELM_NIETZSCHE-DIE_GEBURT_DER_TRAGOEDIE_mobile.pdf

 

Veranstaltung GRECS 24.01.2015

24.01.2015

Also ist es wirklich so, dass der Trend der modernen Gesellschaft eine Abkapselung von der Realität beschreibt? Das schreibt jedenfalls das ZEIT Magazin und belegt dies mit der steigenden Auflage von Magazinen wie „Flow“, einem Magazin welches die stillen Seiten des Lebens preist und zu Handarbeit und meditativer Arbeit einlädt. Die ZEIT nennt es eine Flucht auf die rosarote Wolke, eine Alltagsflucht.

Ich musste an diesen Artikel denken als ich gestern in einer Veranstaltung der Forschungsgruppe GRECS saß. Es waren vier Redner_innen geladen wovon einer Manuel Delgado Ruiz war, Professor für Anthropologie an der Universität Barcelona und Mitglied der Gruppe GRECS. Die anderen drei waren Mitglieder und Vorsitzende von Stadtteilorganisationen und Nachbarschaftsorganisationen aus den Stadtteilen Raval und Poble Nou. Es ging um die Veränderungen von Stadtteilen auf sozialer Ebene. Bevor ich auf den Inhalt der Vorträge und die Kernpunkte des Diskurses eingehe, möchte ich kurz schildern, was mich nun an jenen ZEIT-Artikel denken ließ. Es war die Art wie die Redner von politischen Aufständen und politischem Engagement sprachen und mir als Anwesende das Gefühl gab, komplett apolitisch zu sein. Dann kam diese Frage aus dem Publikum. Eine junge Frau fragte: Und was könnt ihr uns nun sagen, wie können wir unsere Arbeit unser Engagement in und für die Stadtteile genauso gut machen können wie ihr? Es schien, überspitzt formuliert, wie eine passive Adaption ohne eigenes Engagement oder Ideale. Eine Haltung die mich an den ZEIT-Artikel erinnerte, in welchem die Abkapselung als eine Reaktion der Menschen auf die Schnelligkeit und Gleichzeitigkeit des digitalen Zeitalters beschrieben wird. Und ich kenne dieses Gefühl von Machtlosigkeit auch von mir. Was kann ich denn schon machen? Ich überblicke das alles sowieso nicht. Ist es wirklich so, dass diese Machtlosigkeit auch zu einer apolitischen- und Ideal freie Haltung führt? Aber zurück zu der Veranstaltung.

Bei der besagten Veranstaltung ging es um Bürger- und Stadtteil-Organisationen, primär in Vierteln die Schauplatz von Armut, Drogen und Prostitution sind. Was bedeutet denn eigentlich Nachbarschaft? In der besagten Veranstaltung wurde Nachbarschaft natürlich als Vielschichtig beschrieben. Die Nachbarschaft wurde dargestellt als eine Umgebung mit der man sich identifiziert, welches auch ein Überwachungsnetz darstellt, indem man die Nachbarn hört und sieht und dadurch mitbekommen, wie sie leben. Gleichzeitig stelle die Nachbarschaft ( spanisch: Barrio) eine Art Vorstufe der anonymen Großstadt dar. Wenn man aus der Haustür tritt, ist man noch nicht draußen in der anonymen Stadt, man befindet sich noch in gewöhntem Terrain, wie in einem Vorgarten. Außerdem spiele Erinnerung eine Rolle, sagte ein Frau und erklärte, es sei wichtig die Geschichte, dass was mal gewesen ist, nicht zu vergessen. Auf diese Äußerung runzelte Manuel Delgado die Stirne und sagte: Aber sind Erinnerung und Historie nicht ein Gegensatz? Dadurch, dass die Erinnerung in der Gegenwart entsteht, ist sie nicht die Vergangenheit sondern berichtet nur von ihr. Historie dagegen sei vergangene, tote Geschichte. Es gäbe ja Straßennamen und Denkmäler, die von dieser Vergangenheit berichteten aber für Nachbarschaftsorganisation, sei es da wichtig zu wissen, wo früher welches Gebäude gestanden hätte?

Die einzige weibliche Rednerin, die sich für den Stadtteil Raval organisierte und hier auch aufgewachsen war, erzählte von dem Ursprung ihrer Motivation sich für diesen Stadtteil zu engagieren und erzählte eine eindrückliche Geschichte. Sie erzählte, wie sie als kleines Mädchen eine Geburtstagsfeier veranstalten wollte und die Gäste alle kurzfristig absagten, weil ihre Eltern nicht erlaubten, dass ihre Kinder in einen so gefährlichen Stadtteil wie Raval gingen.

Als sie älter war, habe sie sich dann mit ihrem Bruder darum gekümmert, dass die Kinder deren Eltern sich nicht um sie kümmerten morgens aus ihren Betten stiegen, ein Frühstück bekamen und zur Schule gingen. Ein simpler Ablauf, den Kinder aber nicht selbstständig erledigen.

Es ging weiter um urbanes Mobiliar, dass nicht nur soziale Netzwerke, Identifikation eine Rolle spielen sondern auch urbanes Mobiliar und Möglichkeiten der Begegnung wie ein Platz mit Sitzbänken von großer Bedeutung seien. Ein Redner, der sich aktiv für das Barrio Poble Nou einsetzte, sprach davon, dass es früher nur den Straßenzug der Ramblas als Möglichkeit des Treffens gegeben hatte und dies zu einer Zerrüttung der Gemeinschaft geführt habe.

Ich kann aus eigenen Beobachtungen erzählen, dass es auch bei mir im Stadtteil einige Plätze als soziale Treffpunkte gibt. Es gibt einen Platz, der nicht nur als Treffpunkt fungiert sondern auch allen Festlichkeiten des Stadtteils dient und sporadisch als Fußballplatz oder Straßenmusikbühne funktioniert. Darüber hinaus gibt es die „Kneipe des Vertrauen“. Eine Bar in der sich die älteren, bereits in Rente gegangenen Bewohner meines Hauses den größten Teil ihres Tages aufhalten.

 

Soweit von Nachbarschaft.

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