Theorie

Musiciens des Rues

Im Jahre 1999 ist im französischen ein Text erschienen, der von Eliane Daphy und Florence Getréau zusammengestellt wurde und verschiedene Texte zu dem Thema Straßenmusik zusammenträgt. Der Titel lautet: Musiciens des Rues, musiques dans la rue.

Zwei Aspekt des Textes möchte ich an dieser Stelle näher betrachten: die räumlichen Aspekte und die ökonomischen Strukturen. Bereits bei meinen eigenen Beobachtungen habe ich bemerkt, dass die Orte oder Spots an denen musiziert wird in den verschiedenen Stadtvierteln variieren. In Barcelona weist die höchste Dichte das Viertel Cuidad Vella auf und auch innerhalb dieses Viertels finden wieder Selektierungen statt bezüglich der Musiker, die verschieden Spots besetzen

Eliane Daphy und Florence Getréau stellen die Orte an denen musiziert wird in ihrem Text als eine kleine, vorübergehende Bühne dar, die von den Künstlern durch die richtige Auswahl von Ort und Zeit kreiert wird. Eine strategische Auswahl bei der auf Akustik und Lärmeinfluss geachtet wird. Auch die Zeit stellt ein Auswahlkriterium dar. Wird beispielsweise ein Ort in der Nähe einer Veranstaltung gewählt, kann mit mehr „Kundschaft“ bzw. Passanten gerechnet werden (Daphy, Eliane / Getréau Florence 1999: 3). In Barcelona kann folgendes beobachtet werden: die meisten Plätze der Musiker die mit Lizenz spielen, befinden sich zwischen den alten römischen Gebäuden des alten Stadtkerns Cuidad Vella. Eine gute Akustik wird durch die eng stehenden hohen Mauern gegeben, die den Platz meist an drei oder manchmal vier Seiten Umschließen. Der Platz auf dem Placa Sant UI ist ein gutes Beispiel einer solchen Raumbildung (Siehe Foto in > Forschung> Forschungstag Cuidad Vella). Die Musiker ohne Lizenz befinden sich oft außerhalb der Altstatd in der das Musizieren nur mit Lizenz erlaubt ist und auch dann befinden sie sich an Orten mit der Besonderheit, dass sie selten von kontrollierenden Polizisten aufgesucht werden. Beispielsweise auf dem kleinen Berg innerhalb des Geländes des Park Guells. Durch die Erhöhung können die Musiker die Polizisten sehen, wenn sie den Berg hochsteigenRechtlich ist es ihnen erlaubt außerhalb des reglementierten Altstadtbereichs maximal 20 min. zu spielen.  Auch auf dem Sant Monjuic habe ich bisher nur Musiker ohne Lizenz angetroffen. Er fällt nicht in den reglementierten Bereich und Bestimmung sagt: alles unter 20 min. ist erlaubt. Das geht aus meinem Interview mit Oscar hervor. Auch ist der Monjuic kein Ort der von Polizisten aufgesucht wird, da er nicht mit dem Auto zu erreichen ist. Die Polizisten sind auch manchmal in Zivil unterwegs doch meistens bevorzugen sie es in ihren Autos zu bleiben, nach meinen Beobachtungen.

Der Text von Daphy und Getréau nennt im Zusammenhang mit den Zeiten der Straßenmusiker Veranstaltungen als Publikumsmagneten und geeignete Anlässe Straßenmusik zu betreiben. In Barcelona gilt dieses Verhältnis ganzjährig für alle Touristenattraktionen die sich in der Altstadt befinden. Natürlich befinden sich die Spots der Musiker immer direkt bei diesen Touristenatraktionen. Diese reglementierten Spots in der Innenstadt halten sich an Uhrzeiten, die abhängig von dem Standort und seiner Umgebung unterschiedlich sind und Touristenbesuche sowie die spanische Siesta beachten. Die Musiker folgen einem festgelegten Stundenplan und spielen meistens in Etappen von zwei Stunden. . Soviel zu der Beschaffenheit des Ortes.

Darüber hinaus gehen Eliane Daphy und Florence Getréau auf die Situation von Sender und Empfänger und das Maß an Kontakt und Distanz zwischen Passant und Straßenmusiker ein. Auf der Straße gibt es keine „Kulisse“ (Ebd.). Dadurch fällt der Off-Bereich weg den die Künstler auf einer Bühne haben. Die Vorbereitungszeit und die Darbietung gehen nicht mit einem Ortswechsel einher sondern finden an einem Ort statt. Der_die Straßenmusiker_in kommuniziert durch seine Körperhaltung und Körpersprache wann die Darbietung beginnt, so Daphy und Getréau die sogar von einer codifizierten nonverbalen Sprache der Musiker sprechen. Diese habe ich beobachten können in bestimmten Situationen wie das freundliche Nicken des Musikers sobald jemand ihm Geld gibt, manche Musiker verbeugen sich nach ihrem Spiel, schließen die Augen wenn sie singen. Auch die Rolle des Musikers als Vermittler von Inhalten wird in dem Text angesprochen. Diese Formulierung erinnert an die historische Rolle des Liedersängers, den Anfängen der Straßnemusik. Diese Liedersänger überbrachten Nachrichten in Zeiten als es noch keine Medien gab.

Natürlich hat auch das Verhalten der Passanten die gelichzeitig das Publikum der Straßenmusiker darstellen Einfluss auf die Straßenmusiker. Das Publikum besteht größtenteils aus Touristen, die Musiker befinden sich in dem Transitbereich der Touristen wodurch ein konstanter Wechsel stattfindet. Durch diese Umstände kann das Repertoire des Musikers sich auf wenige Lieder beschränken und trotzdem für jeden Vorbeigehenden abwechslungsreich klingen. Der Harfenist erzählte mir er habe mit vier Liedern angefangen was keinem aufgefallen sei. Vier Lieder, das entspreche ungefähr der Dauer die Touristen sich an einem Ort aufhalten. Dieses Verhältnis ist natürlich abhängig von der Beschaffenheit der Musiker/Band. Sobald sich die Menschen sammeln muss das Programm sich auf ca. eine halbe Stunde verlängern. Diese Aussage stammt von Emanuel der sich innerhalb des Interviews zu diesem Thema äußerte. Emanuel berichtete außerdem das andere Gruppen, die mit Sängern und Performance arbeiteten, ihr Programm auf die Kapazität des Sängers und der Performance abstimmen müssen. Das führe dazu, dass diese Gruppen kürzere Zeiteinheiten spielten dabei aber so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zögen. Eine dieser Gruppen habe ich bereits in Barcelona gefunden. Eine sehr percussivlastige Band mit einem Sänger, die sehr Laut sind, eine kleine Choreographie während des Spiels darbieten und das Publikum direkt ansprechen. Diese Band ist bisher immer in der Einkauffußgängerzone anzutreffen ist. Ein Ort an dem Lärm nicht stört, wenige Menschen leben und viele Menschen mit Geld vorbeikommen.

 

Quelle:

Daphy, Eliane / Getréau Florence 1999: musiciens des rues, musiques dans la rue. In : Ethnologie française,XXX-1 (https://hal.archives-ouvertes.fr/file/index/docid/34763/filename/DaphyGetreau_1999_halshs00004410.pdf)

 

Sozialer Raum und Atmosphären

Henri Lefebvre schreibt einleitend in seinem Text mit dem Titel: Die Produktion des Raumes (1974), Raum (sozialer Raum) sei zwar unter anderem durch soziale und politische Kräfte erzeugt, entzöge sich aber ihren Versuchen der Beherrschung (Hauser, Susanne/ Kamleithner, Christa/Meyer, Rolang (Hg.) 2011: 386).

Ich möchte diese Beobachtung auf die Raumbildung durch die Straßenmusiker in Barcelona übertragen. Dieser Raum ist ebenfalls politisch als auch sozial dominiert. Von der politischen Seite macht sich das Verlangen nach Kontrolle in Lizenzen und Strafzahlungen sichtbar. Die Reglementierungen sind allerdings so undurchsichtig und durchzogen von Grauzonen, dass die Musiker das Handeln der Polizei immer wieder als willkürlichen bewerten, was zu einer potentiellen aufständischen Haltung mancher Musiker führt, die keine Lizenz haben und sich ungerecht oder sogar als Straftäter behandelt sehen. Im Kern der Altstadt ist das musizieren geregelt und ist nur mit einer Lizenz, die durch das zuständige Stadtteilzentrum ausgehändigt wird, erlaubt. Es verfügen nur ca. 100 Menschen über diese Lizenz, die sich nicht nach dem Niveau der Musiker, sondern wahllos an die vergeben wurden, die zuerst kamen und fragten (Interview Oscar). Auch in den Bahnschächten der Metro ist das Musizieren im gesamten Stadtbereich durch Lizenzen reglementiert und nur an bestimmten Orten erlaubt.Die sozialen Kräfte, die den Ort dominieren gehen einerseits von den Anwohnern, den Musikern, Passanten und den Anwohnern aus. In vielen Fällen überschneiden sich drei Nutzungseigenschaften des Raumes, der einerseits Wohnraum ist und damit Rückzugsraum und Raum für Ruhe und Privatsphäre, andererseits ist dieser Raum Arbeitsraum für den Musiker und Transitraum oder Freizeitraum für den Passanten. Dadurch entstehen Beschwerden der Anwohner, die EInfluss auf die Reglementierung der Musik haben und die Polizisten befugen einen Musiker von seinem Platz zu verweisen. Die Musiker erzählen von Anwohnern, die die Polizei anrufen weil sie von der Musik genervt sind. Außerdem berichten die Musiker die sich den Raum durch Lizenzen oder ohne Reglementierungen  aneignen oft von unnachvollziehbaren Platzverweisen oder Strafzahlungen durch die Polizei.

Es wird also deutlich, wie alle Einflüsse ob sozial oder politisch den Raum auf ihre Weise dominieren, sich der Raum aber immer wieder der Kontrolle entzieht und eine eigene Dynamik entwickelt. Der Raum wird an dieser Stelle als handelnde Instanz dargestellt, was zu Verwirrungen führen kann, sich aber dadurch erklären lässt, dass Raum an dieser Stelle über den gebauten Raum hinaus geht und soziale Beziehungen, Klänge, politischen Regelungen und Zeit zu einem Zusammenspiel einbezieht. Dadurch entsteht etwas abstraktes und doch Alltägliches wie der Raum, der eine eigene Dynamik entwickelt. Aus meinen Beobachtungen kann ich schließen, dass es genau diese eigenständige, sich ständig ändernde Dynamik ist, die den Raum unkontrollierbar macht.

Wie wirkt sich diese Veränderung aus und wo wird sie sichtbar? Sie wird sichtbar in der unstetigen Bezahlung der Musiker, in den Erlebnissen der Musiker mit der Polizei, an den Beschwerden der Anwohner und an den wechselnden Musikern (Ausgenommen Ciudad Vella) durch die ständigen Wechsel in den Voraussetzungen, ändert sich auch der Raum. Auch die Tatsache, dass es drei verschiedene Organisationen gibt, die versuchen die Musik auf verschiedene Weise zu reglementieren führt zu einer Unstetigkeit und Eigendynamik. An dieser Stelle setzt die Zukunftsvision der AMUC an, die die Musik in den Metros reglementiert. Ihr Konzept auf den Gesamtstädtischen Raum ausweiten. (Dazu mehr in einem anderen Text)

Was ist das eigentlich für ein Raum, der durch die Straßenmusiker in Barcelona entsteht? Es ist neben einem politisch und sozial beeinflussten Raum auch ein Klangraum der die Atmosphäre durch Töne verändert. Ein Raum, der in Abhängigkeit mit der Architektur steht und diese nutzt und hervorhebt indem die Architektur positiv oder negativ auf die Akustik eines Ortes einwirken kann. Ein Raum, der seinen Nutzen durch Musik ändert und aus einem Transitraum wie der Metro auf einmal ein Klangraum wird und dieser Klangraum hat nicht nur einen Einfluss auf die Atmosphäre, sondern auch auf das Gemeinschaftsgefühl. Die Menschen, die sich hinsetzen um dem Musiker zuzuhören haben ein verbindendes Erlebnis. So abstrakt es klingt, hat Musik eine verbindende Wirkung da es ein Klangmedium darstellt, dessen gleichzeitige Wahrnehmung die Menschen Verbindung. Diese Wirkung habe ich bei meinen Beobachtungen im Feld gemacht, die gerade durch die sprachlichen Unterschiede drastisch waren. Durch die hoch frequentierte Anzahl internationaler Besucher in Barcelona, stellt Sprache oft eine Grenze dar, die Musik hingegen überbrücken kann. Ich fühlte mich oft verbunden mit den Menschen die mit mir die Zuhörer darstellten und damit aus der Masse zu einem Publikum wurden mit einer verbindenden Rolle. Auch Gernot Böhme, der den Atmosphären-Begriff entscheidend geprägt hat, bestätigt diese Wirkung in einem Interview. In einem Interview mit der Musiktherapeuthischen Umschau sagt Böhme bezüglich der psychologischen Wirkung der Musik, dass sie ein „diffuse Miteinander“ erzeugt aus dem sich die Menschen dann als Subjekte heraus kristallisieren können. Dieses Verhältnis steht im Gegensatz zu dem Vorgang einer sozialen Verbindung in dem die Individuen dieses Miteinander erst herstellen müssen durch ein Gespräch oder eine Gemeinsamkeit. (Musiktherapeuthische Umschau Online 2005: 4 http://www.musiktherapie.de/fileadmin/user_upload/medien/pdf/mu_downloads/interview_boehme-mu.pdf )

Musik wirkt sich also nach Gernot Böhme positiv auf soziale Verbindungen aus. Es ist ein abstrakter Raum, dem durch Architektur und Klang ein Rahmen gegeben wird und der als Instrument genutzt werden kann um Atmosphären zu bilden die sozial verbindend wirken. Außerdem ist er beeinflusst durch soziale und politische Kräfte.

 

Quellen:

(Musiktherapeuthische Umschau Online 2005: 4 http://www.musiktherapie.de/fileadmin/user_upload/medien/pdf/mu_downloads/interview_boehme-mu.pdf )

Hauser, Susanne/ Kamleithner, Christa/Meyer, Rolang (Hg.)( 2011): Architekturwissen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften. Bd.:2 : zur Logistik des sozialen Raumes. Transkript Verlag.

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