Die Musik auf den unterirdischen Straßen Barcelonas // Metro und Master: ein Interview mit einer Musikerin der Metro//

Eigentlich ist sie für ihren Master nach Barcelona gekommen; Archäologie, doch die Freude am Entdecken verborgener Schätze, hat sich auf den unterirdischen Raum der Metro in Barcelona verlagert, der heute ihr Arbeitsplatz ist. Rike kommt ursprünglich aus Güstrow und ist vor zwei Jahren nach Barcelona gekommen um nach Beendigung ihres Bachelors in Deutschland, mit ihrem Master in Spanien zu beginnen. Ich treffe Rike auf einer der Versammlungen der AMUK. Eine autonome Assoziation, die sich auf einer demokratischen Basis organisiert und gemeinsam den Bereich der Metro bespielt. Da eine Kooperation mit der ATM (Autoritat del Transport Metropolita) besteht, müssen die Musiker nicht um ihre Musikinstrumente fürchten und werden auch nicht dem Platz verwiesen, vorausgesetzt sie können sich als Mitglied der AMUC ausweisen. Um Mitglied der Assoziation zu werden, müssen die Musiker im Regelfall vor einer Jury vorspielen und erhalten durch das Bestehen des Castings eine Mitgliedschaft. Auf regelmäßigen Treffen werden gemeinschaftlich Stundenpläne für die Musiker erstellt, die sie auf die insgesamt 38 festgelegten Punkte im zwei Stunden Takt, einteilt. Als ich am Montag den 24.11.2014 in das Bürgerzentrum Drassanes eintrete, um mir ein Organisationstreffen der AMUC anzusehen, stoße ich auf einen Raum voller Menschen, die durcheinander laufen, laut reden und Zettel in den Händen haben. Ein Mann mit einem Mikrofon scheint das Gewusel unter Kontrolle zu haben und ordnet mit seiner Stimme den Haufen. Noch bevor ich mich orientieren oder überhaupt den Raum ganz betreten kann, spricht mich ein Mann freundlich an und fragt mich, ob er mir helfen könne. Ich bin perplex da ich geplant hatte mich erstmals, wie gewohnt, ein bisschen unter die Leute zu mischen und anonym die Atmosphäre zu observieren. Ich fange an mich zu erklären und es braucht nur die Wort: Straßenmusik, Projekt und Uni und der Mann, der sich kurz als Ruben und Präsident der Organisation AMUC vorstellt, greift sich ein Mikrophon und fragt in die Menge wer Lust hätte ein paar Fragen zu beantworten. Es sind keine 5 Sekunden vergangen seit meiner Ankunft und schon stehe ich mit dem Präsidenten und vier anderen Mitgliedern, die mich fragend angucken auf der Terrasse. Ich muss schmunzeln über so viel unerwartetes Engagement und Organisation, ich habe dieses Treffen absolut unterschätzt. Rike ist eine der wenigen Frauen die ich sehe und die Einzige, die helle Haare hat. Sie wird mir von Ruben vorgestellt als er hört dass ich aus Hamburg komme. Perfekt, eine deutschsprachige Interviewpartnerin ist natürlich eine große Erleichterung. Ruben wuselt davon und kommt kurz darauf mit einem Papier, eine Einverständniserklärung zurück die regelt, dass ich keine Informationen veröffentliche solange sie nicht von der Organisation AMUC als korrekt abgesegnet worden sind, eine Vorsichtsmaßnahme. Zwischen den vielen internationalen Männern, die sich an diesem Platz tummeln, fällt Rike mit ihrer zierlichen Figur und den langen glatten, hellen Haaren und den hellen Augen ziemlich auf. Auffallen, das ist es auch was man im Musikbusiness in Barcelonas Metroschächten muss, sagt sie. Zunächst bei den Castings die einmal jährlich stattfinden und durch eine Jury, bestehend aus Professoren einer Musikschule, entscheiden wer gut genug ist um in der Metro zu spielen. Ca. 50 Neulinge kommen jedes Jahr dazu und doch ist die Anzahl an aktiven Musikern der AMUC seit 2001 gleich, immer etwa bei 80. Das liege daran, dass viele das Spielen in der Metro nur ausprobieren oder sich doch in andere Städte begeben oder die Metro nichts für sie ist. Wenn man das Casting einmal bestanden habe, sei es weiterhin wichtig sich besonders zu präsentieren um die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich zu ziehen. Ein besonderes Instrument oder eine besondere Musikrichtung sind hier empfehlenswert. Es gäbe beispielsweise die Asiaten, erzählt Rike, die ein Instrument aus ihrer Kultur mitgebracht hätten, welches hier so unbekannt sei, dass es natürlich die Aufmerksamkeit der Menschen anziehe und mit ihrer Aufmerksamkeit auch die Bereitwilligkeit zu zahlen. Natürlich sei es eine schwierige Situation in einem Raum zu spielen der eigentlich als Transitraum funktioniert und dafür ausgerichtet ist. Für Rike habe sich dieser Raum komplett geändert. Mit Metro verbinde sie nicht mehr Fortbewegung sondern Arbeit. Und diese Arbeit findet vier bis sechs Stunden am Tag statt wobei man den Platz wechseln muss. Dabei darf jeder Musiker denselben Platz nur zweimal in zwei Wochen für zwei Stunden nutzten, was nicht nur eine gerechte Verteilungen der guten bzw. gut besuchten Plätze gewährleistet sondern auch eine gewisse Abwechslung für die Passanten. Die Mitglieder treffen sich regelmäßig um diese Verteilung der Plätze zu organisieren und in einer Liste festzughalten. Dafür werden die Musiker in einer gelosten Reihenfolge zu einer Liste gerufen um sich für eine Spieldauer von zwei Stunden an einen Ort einzutragen. Dieser Prozess wiederholt sich bis die Listen gefüllt sind wobei jeder Musiker über seine maximale Stundenanzahl selbst bestimmen kann. Rike erzählt von den Beschaffenheit der Plätze und sagt, sie würde beispielsweise die Station Passeig de Gracia bevorzugen, da hier weniger die einheimischen Menschen aus Barcelona dominieren sondern die Touristen. Dieses Verhältnis liegt wiederum an den Metrolinien, also der Infrastruktur. Die Station Passeig de Gracia ist gleichzeitig die Haltestelle des Airportbus und Umsteigemöglichkeit für Reisende zu Barcelonas Hauptbahnhof. Warum gerade Touristen interessant sind? Weil Rike mit ihrer Gitarre und ihrer Stimme Rock und Pop aus den 80ern, 90 ern und aktuellere Titel performt und das sei die Musik, die vor Allem Deutsche, Franzosen und Engländer ansprechen würde und nicht so sehr die Katalanen.

In der Metro zu spielen sei nicht leicht aber da sind diese besonderen Momente, die Rike ihre Barcelona-Metro-Momente nennt. Sie erzählt von einem kleinen Kind, welches mit seiner Mutter über eine Stunde zugehört hätte, in einem vollen Metrotunnel. Die Möglichkeit in anderen Menschen Emotionen hervorrufen zu können, würde jeden Stress und jedes fehlende Geld komprimieren. Anerkennung der Musik als legale Praktik und gern gesehene Aufwertung des öffentlichen Raumes, das ist die Zukunftsvision die Rike aber auch der Präsident Ruben haben. Wünschenswert wäre eine Erweiterung der Organisiation auf das überirdische Stadtgebiet, wo diese Organisation ursprünglich herkommt und ein einheitliches System, dass die Kunst in Straßen und Metro organisiert, nach dem autonomen Prinzip der AMUC. „Musik ist kein Verbrechen“ sagt Rike wörtlich doch genau das sei die Botschaft, die den Musikern durch Polizeirazzien und Verbote vermittelt würde. „Klar, eine Kontrolle ist wichtig sonst würde alles aus dem Ruder laufen“ sagt sie aber die Verhältnisse müssten sich ändern und die AMUC sei das beste funktionierende Beispiel. Eine Mischung aus Absicherung, Sozialem Netzwerk und Schichtplanung.

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