Monthly Archives: December 2014

A l`ecoute de l’environnement

A l’ecoute de l’environnement ( Jean- Francois Augoyard und Henry Torgue )

Erinnerung (Seite 21 + 22)

Auf der Seite 21 und 22 des oben genannten Buches beschäftigen sich die französischen Autoren mit der Frage, welche Rolle das Thema Erinnerungen in dem Gesamtkonzept der Effekte von Tönen, einnimmt. Es geht um Reminiszenz und Amnese und die Tatsache, dass ein Signal- oder Tonkontext in einem Zuhörer die Erinnerung an eine vergangene Situation oder Atmosphäre provozieren. Dadurch entsteht eine Verbindung von Wahrnehmung und Erinnerung. Ein Moment, in dem der Zuhörer die Zeiten durchkreuzt indem er mentale Bilder zusammenfügt und so ein neues Bewusstsein schafft, die eine persönliche Erinnerung beinhaltet (…) „..sans autre volonté que le libre jeu des associations“ ( Augoyard, Torgue 1995 : 22) was ins Deutsche übersetzt ungefähr bedeutet : ohne einen anderen Willen als das freie Spiel der Assoziationen.

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Iris: historische Bar, Treffpunkt von Musikern und Manu Chaos sporadische Bühne

Iris, das bedeutet Regenbogen und ist gleichzeitig eine Bar in der sich Manu Chao von Zeit zu Zeit an einer Musik Jam beteiligt. Es ist Mittwoch der 3.12 und ich bin trete in eine kleine, sehr helle und einfach möblierte Bar ein. Hinter der Bar steht eine junge Frau und ein Junge der vielleicht grad mal achtzehn Jahre alt ist. Im Laufe des Abends würde sich die Besetzung der Bar noch öfter wechseln, zwischen Oma, Sohn, Enkelsohn, Freundin. Die Iris-Bar ist eine richtige Familienbar. Der Rotwein kostet 1,- € pro Glas und man kann große 1 Liter Flaschen Bier bestellen die dann pro Tisch geteilt werden. Im hinteren Teil der Bar nehmen ungefähr 8 Musiker den Platz um den großen Tisch ein. An der Wand über dem Tisch hängt ein in Holz gerahmter Zeitungsausschnitt auf dem Manu Chao zu sehen ist. Es spielen zwei Gitarren, eine Violine, eine Flöte, ein Kontrabass, zwei Trommeln und ein Sänger. Sie spielen spanische Stücke und andere Klassiker aber auch unbekannte katalanische Stücke. Der Sänger fängt an eine Melodie anzustimmen und die Gitarre steigt mit ein. Die Trommeln geben den Rhythmus und der Kontrabass tritt bei dem ganzen Tumult schnell in den Hintergrund und tritt erst durch seine Soli wieder in mein Bewusstsein als Zuhörerin. Die Violine interessiert mich besonders da ich auch seit vielen Jahre Geige spiele, allerdings klassische Stücke und mit Noten. Das ist eine ganz andere Welt als diese Improvisation. Ich denke mir es kann nicht so schwer sein und nehme das Angebot des Violinisten an, einmal seine Geige zu spielen. Dann geht es los Guantanamera. Ich versuche leise mit zuspielen und es ist nicht so einfach wie ich gedacht hätte. Ich möchte einfach losspielen so wie alle anderen aber stattdessen muss ich über Tonarten, Noten, Rhythmen nachdenken und mich fragen welche Tonart das wohl grad ist. Am Ende schaffe ich es mich einigermaßen einzufädeln in das Netz aus Musik und Gesang aber ich gebe die Geige lieber wieder ab und nehme mein Weinglas, einen Löffel und spiele die Clave. Das ist einfacher und ich kann die Musik so viel besser genießen. Von acht bis zehn Uhr wird gespielt, getrunken und gegessen und dann schnappt sich eine Brasilianerin aus dem Publikum die Gitarre und singt portugiesische Lieder die so besonders sind, dass die ganze Bar ruhig wird und sich die ungeteilte Aufmerksamkeit der Gäste auf Sie und ihre besonders ausdrucksstarke Stimme konzentriert. Ich bin in diesem Moment in einem Gespräch mit einem portugiesischen Musiker. Wir reden über Fado als er die Musik hört entschuldigt er sich und läuft aufgeregt zu seiner Trommel mit den Worten: Das ist meine Musik, das muss ich unterstützen. Er nimmt Augenkontakt mit der Frau auf und fängt vorsichtig an zu spielen. Erst leise und suchend bis er einen Rhythmus gefunden hat der mit dem Gesang zusammen passt. Es ist eine sehr schöne Kombination und die Menschen in der Bar zücken ihre Kameras. Anschließend begebe ich mich zu der Bar und spreche die alte Frau an. Ich möchte wissen, was es mit der Bar auf sich hat und ob es wahr ist, dass sie schließen soll. Sie hat ein breites Lächeln auf den Lippen und wird während unseres Gespräches andauernd liebevoll von ihrem Enkel in die Seite gestupst oder auf die Wange geküsst. Sehr stolz erzählt sie mir, dass sie jetzt seit 53 Jahren in dieser Bar arbeitet aber es habe sich viel verändert. Früher habe sie vormittags gekocht und mittags seien die Fabrikarbeiter von der Lampenfabrik gekommen und haben gegessen. Jeden Tag, das war das Geschäft. Heute hat sich das Geschäft auf abends verlagert aber die Tradition mit den günstigen Getränken hätten sie beibehalten. Und Manu Chao? Frage ich. Ja der wohne gegenüber und sei der Freund ihres Sohnes. So sei es dazu gekommen, dass er öfter zum spielen rüber gekommen sei und jetzt hat dieses Spielen und zusammen musizieren eine Tradition. Jeden Mittwoch und Freitag von 20:00 – 23:00 Uhr findet die sogenannte Jam statt. Hinter dem Gerücht das die Bar schließen würde stecke eine ernüchternde Wahrheit und zwar die familiären Umstände: sie und ihr Mann seien zu alt und die Kinder würden andere Sachen machen. Das rentiert sich nicht und so verliert Barcelona ab Januar 2015 eine ihrer alten Läden und die Musiker einen Treffpunkt zum musizieren. Auf dem Weg nachhause begleitet mich ein französischer Gitarrist der anfängt den Weg mit französischen Chansons zu versüßen, als er hört, dass ich George Brassens sehr gerne höre.

Polizei, Gewalt und Frustration

„…Mit viel Gewalt. Sie kommen frustriert und denken nicht nach sondern werden ihren Frust los auf verschiedenste Weise: Sie lachen über einen…das ist total verrückt… und deshalb bin ich auch so aufgebracht und deswegen bin ich hier um dir dieses Interview zu geben…. Deshalb erzähle ich dir das alles, weil langsam verstanden werden muss, dass diese Menschen belehrt werden müssen weil wirklich, dass was sie machen ist nicht gut von keinem Gesichtspunkt aus. Nicht als Vertreter des Gesetzes, nicht auf sozialer Ebene, nicht als Individuum. ich meine, das sind Personen die vergessen, dass sie Personen sind (……)“

Der Auszug stammt aus einem Interview, dass ich vor zwei Tagen mit einem Musiker ohne Lizenz geführt habe. Er konnte mir viel über die Aggressivität der Polizisten gegenüber den Musikern erzählen und wie Lücken im Gesetz dazu führen, dass Polizisten freie Hand gegen Musiker haben. Das wiederum führt zu Gewalt, Aufständen, Geldstrafen und dem Verbrennen von Musikinstrumenten. Ich anonymisiere an dieser Stelle alle Namen.

Patrick spielt seit 5 Jahren in Barcelona und genauso viele Geldstrafen hat er auch schon bekommen. Außerdem wurde ihm schon zweimal das Instrument von der Polizei weggenommen. Warum? Die amtliche Begründung lautet: Besetzung öffentlichen Raumes, Belästigung, Beleidigung eines Polizisten, Straßenmusik mit Percussion und Verstärker ( obwohl es sich um einen Gitarristen handelt) oder einfach: Belästigung. Das Musizieren ist in Barcelona eigentlich erlaubt doch auf diese Weise kann das Musizieren mit einer anderen Gesetzgebung, nämlich der Gesetzgebung für den öffentlichen Raum, behandelt und bestraft werden.

Patrick erzählt mir von viel Gewaltbereitschaft der Polizei gegenüber den Musikern und der Machtlosigkeit der Musiker selbst. Einmal habe ihm ein Polizist die Gitarre enteignet obwohl er nur auf einem Platz auf einen Freund gewartet habe, ohne dass die Gitarre überhaupt den Kasten verlassen hätte. Das Argument der Polizei: Belästigung und Besetzung des öffentlichen Raumes.

Knapp 200,- € kostet es, sein Instrument von der Polizei zurück zu kaufen, die Geldstrafe für absichtliches Besetzen öffentlichen Raumes, mit inbegriffen.

Nicht alle kaufen ihre Instrumente zurück denn diese sind meist weit weniger wert als die Ablösesumme. Deshalb verfügt die Polizei nun über eine ganze Ansammlung von Instrumenten jeder Art, Patrick erzählt wie er einmal in diesen Raum gucken durfte als er sein Instrument gesucht hat „Alles, was du dir vorstellen kannst, bis zur Decke! Saxophone, Gitarren, Cajon….alles!“

Und was passiert mit den Instrumenten? Die werden verbrannt oder an Institutionen verschenkt…für einen sozialen Zweck. Ein bisschen Sarkastisch diese Verhältnisse und sarkastisch sei auch das Verhalten der Polizisten gegenüber den Musikern. Es gäbe einen Polizisten, der würde immer mit einem Lächeln auf ihn zukommen, ihm versichern diesmal gäbe es keine Strafe und er würde ihm auch das Instrument nicht wegnehmen. Er bräuchte nur seine Identifikationspapiere. Klar weiß Patrick schon, dass das alles nur erfunden ist aber was soll er machen? Einmal hat er es erlebt als er und seine Freunde sich gewehrt haben, dass die Polizisten einfach Verstärkung holen und das Kommando zum zuschlagen bekommen, dann fangen sie an mit den Stöcken auf die Menschen einzuschlagen. Egal ob Mann oder Frau. Das ist eine extreme Situation aber Handgreiflichkeit ist fast immer im Spiel. Patrick meint, das Problem liege bei der Frustration der Polizisten und in der schlechten Selektion, wer psychisch im Stande sei, Polizist zu werden. Eine Verbesserung der Einstellungskriterien der Guardia Urbana, die als einzige Guarde, sehr weit gefasste Einstellungskriterien hat, würde helfen.

Das Gespräch mit Patrick zeigte, dass das Thema Straßenmusik ein wachsender Teil der Stadt ist, der für viele essentielle zum Überleben ist und für andere essentiell das Gesicht dieser Stadt mit charakterisiert. Doch dieses wachsende Medium wird von dem Staat weder ernst genommen noch eingebunden in Gesetzgebungen. Daraus resultiert ein sich zuspitzende und zunehmend gewaltsam werdender Diskurs zwischen Musikern und Polizisten.