13.11.2014

Es ist Donnerstag der 13.11. 2014. Die Sonne scheint und der Himmel ist azurblau. Kalt ist es trotzdem ein bisschen. ich mache mich, ausgestattet mit Aufnahmegeräte, Kamera und Notizblock auf den Weg zum Montjuic. Zu dem kleinen Berg an dessen Spitze sich das Museum für katalanische Kunst befindet. Damals habe ich Emanuel hier getroffen, den Musiker mit dem ich schliesslich ein langes und aufschlussreiches Interview geführt habe, welches auf diesem Blog unter Interview 3 abgetippt ist. Ich fahre mit der Bahn bis zu der Station Espanya. Schon in der U-Bahn höre ich Musiker. Die typischen Akkordeonspieler, mit einem Hackenporsche in dem sich ein Lautsprecher befindet der an einen MP3 Player angeschlossen ist und den Musiker während seines Spiels akustisch begleitet. Die Stücke sind immer genauso lang wie die Fahrt zwischen den Stationen dauert und meistens hört man, nachdem sie den Wagon gewechselt haben, dasselbe Lied nochmal im nächsten Wagon erklingen. An der Station Enpanya angekommen, lasse ich den heissen U-Bahnschacht und den verwirrend grossen Bahnhof hinter mir und blinzel hoch zu diesem Prachtgebäude vor welchem Wasserfontainen emporschießen. Noch trennen mich mehrere Höhehnmeter und viele Treppenstufen von dem Gebäude.Es sind alte Menschen, schwule PärchenDas Museum für katalanische Kunst auf dem Montjuic. und natürlich Touristen unterwegs. Ich steige eine Treppe hoch und geniesse bereits jetzt die Aussicht, die Ruhe und die klare Luft.

Portrait der Anwesenden: viele alte Leute

Atmosphäre

DSC02268[1]DSC02269[1]

Erste Aussichtsplattform. hier wurde Emanuel damals von der Polizei gepackt und bestraft wegen besetzung des öffentlichen raumes.

Museum für katalanische Kunst von der Seite.

Sicht von der Spitze des Monjuic, neben dem Museum .

Sagrada Familia vom Montjuic aus.

Oben angekommen höre ich schon in der Ferne eine Gitarre klimpern. Ich folge meinen Ohren und stoße vor dem Museum am Fusse der Treppe die zu diesem pompösen Gebäude führt einen Gitarristen der singt und Gitarre dazu spielt. Zwar ist an diesem Ort keine besondere Akustik doch er zeichnet sich durch seine Lage in dem Sinne aus, als das man kann sich auf die Treppen vor das Museum setzen und so die Aussicht und die Musik zusammen geniessen.

Musiker

Aufgrund seiner Sitzposition siejt der Musiker die Aussicht nicht, dafür aber Gesichter der Menschen und ihre Reaktion auf die Aussicht, die Selfieorgien und Fotoshootings.

Schwarzmarkt für kastagnetten und Fecher.

Er singt auf Katalan und Spanisch. Die Texte sind sehr romantische und kitschig. Dadurch entsteht eine Stimmung die der Raum sofort adaptiert und die pittoreske Aussicht untermalt. Die Musik und die Aussicht laden zum hinsetzen und verweilen ein. Dann wechselt der Musiker die Musikrichtung und stimmt ein dramatisches Lied an. Es ist unglaublich wie sehr die Musik die Empfindung beeinflussen kann und ein dramatisches Lied dem Ort sofort eine andere Farbe gibt und meinen Fokus während der Beobachtung des Raumes ändert. Ich kann an dieser Stelle nur subjektiv berichten aber ich habe das Gefühl, dass die Harmonien bestimmte Assoziationen in mir hervorrufen die wiederum an Gedanken und Denkmuster sowie an Wahrnehmung gebunden sind. Ich werde in einem nächsten Text auf das Thema Atmosphären näher eingehen und dazu die Theorie von Gernot Böhme behandeln ( Theorie Teil) .

Zurück zu der Szenerie. Die Menschen um den Musiker bleiben häufig stehen, setzen sich hin und hören zu, nachdem sie ihre Fotos geschossen haben. Nach fast jedem Lied wird geklatscht, das ist bei Strassenmusik nicht üblich.  Der Musiker spielt die ganze Zeit mit einem Lächeln auf dem Gesicht und bedankt sich mit einem Nicken und einem ,,Gracias” für jedes Geldstück und jeden CD-Kauf. Ein Müllwagen fährt vorbei, bleibt vor dem Musiker stehen, der Fahrer grüsst den Musiker und Fahrer sowie Beifahrer fangen an, sich in ihrer Fahrerkabine zu dem Takt der Musik zu bewegen. Der Müllwagen fährt weiter und die Zuschauer lachen. Eine Frau, die mit einer Horde Kindern gekommen ist, singt eines der Lieder mit, anscheinend ein bekanntes katalanisches Lied. Die Kinder haben sich hingesetzt und lauschen dem Musiker gespannt.

Die Zuschauerschaft. beobachtet den Musiker interessiert.

DSC02280[1]

In der Nähe gehen zwei Polizisten zu ihrem Wagen. Ich frage mich, ob sie wohl kommen um den Musiker zu verwarnen da ich keine Lizenz bei ihm sehe. Sie kommen nicht und der Musiker spielt fröhlich weiter. Schließlich geste ich mir ein, dass es wohl keine perfekte Situation gibt in welcher ich den Musiker ansprechen könnte also gehe ich einfach los.,,Hallo, entschuldige die Störung ich komme aus…” Ich stelle mich vor und frage, ob ich ihm ein paar Fragen stellen kann. Unerwarteter Weise legt der Musiker seine Gitarre nieder und sagt ,, ich wollte eh grad eine Pause machen, dann kannst du mich jetzt gerne fragen was du wissen möchtest.” Ich habe mir für dieses Interview vorgenommen so wenig wie möglich selber zu reden, sondern nur einen Anstoss zu geben um dann zu gucken, was dem Musiker selbst wert erscheint mir zu erzählen. Das klappt sogar sehr gut.

Musiker

Narratives Interview:

,,seit vier Jahren spiele ich in Barcelona, als Kind habe ich in einer Rockgruppe gespielt und ja, eigentlich war mein Beruf ein ganz anderer. Ich habe bei einer Versicherungsfirma gearbeitet und dann wegen der Krise habe ich meinen Job verloren. Meinen Söhnen habe ich eigentlich zu verdanken, dass ich jetzt auf der Straße Musik mache. Sie haben immer gesagt: Papa, nimm doch deine Gitarre und mach draußen Musik. Irgendwann habe ich damit angefangen.”

Stolz verriet er mir seine Nummer : 235. Das ist die Nummer, die er innerhalb der autonomen Organisation (AMUC Association Musicos de la Calle) innehat. Diese Assoziation organisiert sich selbstständig und trifft sich alle 15 Tage zu einer Besprechung um Orte und Zeiten festzulegen. Für diese Treffen mieten sie jedesmal einen Raum. Er erzählt, dass jeder in der Assoziation, der aktiv in Barcelona ist, zweimal pro Woche an einem Ort spielt und dann immer nur zwei Stunden. Ich frage ihn wieviele Stunden er ungefähr pro Tag arbeitet und er antwortet: vier bis sechs. Er erzählt mir auch, dass sein Einkommen bei 800,- € bis 1000,-€ pro Monat liegt.

Dann erklärt er mir, warum man in Barcelona einerseits gut spielen kann und es andererseits unmöglich ist hier zu spielen. Das liegt daran, sagt er, dass die Reglementierung so breit gefasst ist, was der Polizei durch einen breiten Graubereich in der Reglementierung, viel Handlungsfreiraum lässt. Gründe, die gegen das Musizieren auf der Straße sprechen und die von der Polizei gegen die Musiker verwand werden sind 1. Geschäfte auf öffentlichem Boden, Besetzung öffentlichen Raumes und Belästigung der Mitmenschen und Anwohnern. Ausserdem ist das Spielen vor einem öffentlichen Gebäude verboten. Es sei ihm einmal passiert, dass die Polizei ihm die Gitarre und den Verstärker weggenommen habe. ,,Sie stecken beides dann in einen Plastiksack der eine Nummer hat, der Musiker bekommt die Nummer und kann das Instrument gegen eine Strafe von 195 Euro abholen.” sagt er. ,,wenn man Glück hat, stecken sie beides in einen Sack, sonst muss man für zwei Säcke bezahlen also zweimal 195 Euro.”

Ich frage ihn, was das Besondere an diesem Ort ist auf dem Montjuic.

Das Gute an diesem Ort sei, dass die Menschen Zeit hätten, nicht wie in der U-Bahn, wo sie nur vorbeilaufen . Die Leute würden sich hinsetzen und zuhören. Das Museum sei ein Publikumsmagnet und anders als bei anderen öffentlichen Gebäuden sei es erlaubt direkt vor dem Museum zu spielen außerdem gäbe es keine Anwohner die man stören würde. Dann erzählt er wie sich die Zusammenstellung seines Programms an den Menschen orientiere die das Publikum darstellen. Jeder Ort habe andere Besucher und mit der Nationalität dieser Besucher würde sich auch sein Programm ändern. Latinos hören gerne spanische Musik und da gäbe es zwei besonders beliebte Autoren die aus Barcelona kommen. Außerdem wäre das Besondere an den Latinos, dass sie das Geschäft auf der Straße kennen. Für die sei es normal CDs auf der Straße zu kaufen weil sie es von Zuhause gewöhnt seien, deswegen würden sie schneller eine CD kaufen.  Dann erzählt er, wie sehr er sich gewundert habe über die Wirkung des Liedes Besame mucho. Vor allem die Asiaten, hebt er hervor, fänden grossen Gefallen an diesem Lied im Gegensatz zu den Menschen aus Barcelona. Wenn er in einer Bar für Leute aus Barcelona spiele, könne er dieses Lied niemals spielen da es zu alt ist, es ist aus der Mode und gehört der Vergangenheit an und die Leute würden ihn komisch angucken. Schliesslich käme dieses Lied ja aus der Zeit vor den 50er Jahren. Dann erzählt er, dass Rumba und Flamenco immer gut funktionieren würde, da die Leute diese Assoziation zu Spanien hätten, dabei würde der Flamenco gar nicht aus Barcelona oder Katalonien kommen, sondern aus Andalusien. Jetzt würde er Englisch lernen und dann Portugiesisch, damit er auch internationale Stücke singen könne. ,, Stell dir vor ich würde auf einmal ein deutsches Lied zwischendurch singen, dass hätte dich doch gefreut, oder?”

Ich nickte.

Am Ende fragte ich ihn, ob ich mal zu einem Treffen der AMUC kommen dürfe, worüber er sich sehr freute und mir sofort eine Karte zeichnete mit dem Weg. So werde ich am 24. 11 zu einem Treffen der AMUC gehen und mal sehen, wie das so abläuft.

…und jetzt muss ich schnell zu der Vorlesung von Manuel Delgado : )

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s